Am Eingang der Ausstellung, bevor er sich zwischen den monumentalen Fotografien zentralasiatischer Berg- und Wüstenlandschaften begibt, begrüβt den Besucher dröges Kamelgebrüll.
Auf einem Sockel steht die tönerne Skulptur eines schlafenden Mädchens auf einem Kamel. Ein friedliches Bild, wenn nicht daneben ein Kaufvertrag für eine sogdische Sklavin ausgestellt wäre: Ein chinesischer Kaufmann erwirbt das Mädchen für 120 Silberstücke.
Kein Exponat hätte diese kunsthistorische Ausstellung besser symbolisieren können, als diese Skulptur aus dem achten Jahrhundert. Jahrtausende ist die Seidenroute zwischen Europa und China mit Kamelen bereist worden. Neben dem Menschen wohl das einzige Lebewesen, das den Sandstürmen in der Gobi- und Taklamahan-Wüste (letztere bedeutet in der uigurischen Sprache übrigens « Platz ohne Wiederkehr » oder « Wüste des Todes") trotzen konnte.
Auf seinem Rücken transportierten die Kamele nicht nur Porzellan, Papier, Seide, Brokat und Lackarbeiten von China nach Zentralasien und Europa sowie Gold, Silber, Glas, Kräuter und Trauben in die umgekehrte Richtung, sondern auch Menschen, die als Sklaven verhandelt wurden.
Nicht nur Waren, auch Ideen ...
Die stimmungsvolle Ausstellung in den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte schildert die Geschichte des groβen kulturellen und technologischen Austauschs, der über Jahrtausende entlang der Seidenstraβe stattgefunden hat.
Über diese Routen wurden nicht aber nicht nur Güter aller Art verhandelt, sondern auch Ideen, Technologien und religiöse Bräuche ausgetauscht. Neben Händlern und Handwerkern bevölkerten Missionare, Mönche, Soldaten und Generäle die Wege zwischen China, Persien, Indien und Europa.
Kämpfe
Bevor die Seidenstraβe – ein Begriff, der übrigens zum ersten Mal 1877 von dem deutschen Geografen und Entdeckungsreisenden Ferdinand von Richthofen verwendet wurde – ca. drei Jahrhunderte v. Chr. zustande kam, betrieben die Chinesen bereits regen Handel mit den Völkern der Steppen, die sich bis ans Schwarze Meer und Europa ausdehnten.
Einen Beweis dafür findet man in den Grabstätten sowohl der Steppenvölker als auch der Chinesen, in denen Gegenstände der jeweils anderen Kulturen gehortet wurden. Über viele Jahrhunderte kontrollierten die Steppenvölker die Handelswege über die Bergpässe, entlang der Täler und Oasen. Sie waren den Chinesen auf ihren schnellen Pferden überlegen. Das Blatt wendete sich, als die chinesische Armee sich selber Reitereinheiten zulegten und es General Huo Qubing gelang, das berüchtigte Steppenvolk der Xiongu (die Hunnen) zu besiegen und die Kontrolle über den Korridor von Hexi zu erwerben. Eines der Prunkstücke der Ausstellung ist eine bronzene Kavallerie (zweites Jahrhundert v. Chr.), die im Grab eines militärischen Gouverneurs, nahe der Oasenstadt Turpan, gefunden wurde: Reiter, Pferde, Kutschen, … jedes Stück ist einzeln gegossen und von sehr groβer Detailtreue.
Aufschwung
Nachdem der wichtige Durchgang abgesichert war, blühte der Handel entlang der Seidenstraβe auf. Ausgangspunkt war der groβe Markt der damaligen chinesischen Hauptstadt Chang’an (heute Xi’an). Es war die gröβte Stadt der Welt: Sogden, Türken, Perser, Inder und Araber hatten hier ihre Handelsniederlassungen aufgebaut.
Ihren Höhepunkt erlebte die Seidenstraβe zwischen dem siebten und zehnten Jahrhundert. In China entwickelte sich daraufhin eine müβige Oberschicht, die sich eurasiatischen Beschäftigungen und Gepflogenheiten hingab wie der Jagd mit Leoparden und Falken, dem Reiten und Weintrinken, die persische Musik hörte und ausländische Kunst sammelte.
Grabgegenstände
Viele der Exponate stammen aus Gräbern und sollten die Toten auf ihrer Reise ins Jenseits begleiten. Auffällig ist, wie viele Gegenstände – Schmuck, Kleidung, alltägliche Gebrauchsgegenstände – Einflüsse anderer Kulturen zeigen oder in ausländischen Ateliers hergestellt wurden. Das gilt sowohl für die Chinesen als auch für die anderen Völker.
Ein weiteres beeindruckendes Exponat ist die Mumie eines etwas 30-jährigen Mannes, die in einem Friedhof in der Lop-Wüste gefunden wurde und aus dem vierten bis fünften Jahrhundert n. Chr. stammt. Der Mann trägt prachtvolle Gewänder aus Seide und Wolle. Manche davon stammen aus Zentralchina, andere sind lokale Erzeugnisse. Auch die Webetechniken verraten unterschiedlichste Einflüsse.
Die goldene Totenmaske (678) eines Sogden, der nach Guyuan ausgewandert war, zeigt, dass der Mann laut der chinesischen Tradition bestattet worden war. In seinem Mund aber fand man ein Geldstück, was wiederum von einem griechischen Brauch zeugt.
Buddhismus
VAuch religiöse Glauben und Bräuche wanderten entlang der Seidenstraβe. Aus Persien drangen der Manichäismus und der Zarathustrismus nach China.
Hängen geblieben aber ist der Buddhismus, der über die reichen Griechen in Afghanistan über die Seidenstraβe nach China gelangte und dort Wurzeln schlagen konnte. Die berühmten Mogao-Grotten der Oasenstadt Dunhuang in der Gobi-Wüste, in denen Generationen von Mönchen Skulpturen und Wandfresken des Buddha gestalteten, werden auf der Ausstellung eingehend dargestellt. Ende des vorigen Jahrhunderts fanden Archäologen in einer der Grotten übrigens 40.000 buddhistische Manuskripte in 50 verschiedenen Sprachen. Die Trockenheit der Wüste hatte sie vor der Zerstörung geschützt.
Nachdem einerseits das mongolische Reich im 14. Jahrhundert zerbrach und die Ming-Dynastie China von der Auβenwelt (1368-1644) abschottete und andererseits der Handel, aufgrund der europäischen Entdeckungen, von Land- auf Seestraβen überging, verlor die Seidenstraβe ihre Daseinsberechtigung.
Heute versucht China dieser Strecke wieder neues Leben einzuflöβen und sie als wirtschaftliche Brücke nach Pakistan, Indien und den erdölreichen zentralasiatischen Republiken zu nutzen.
Praktisch
Noch bis zum 7. Februar in den Kgl. Museen für Kunst und Geschichte im Jubelpark, www.kmgh-mrah.be.




